Ein militärisches Symbol des Kalten Krieges, ein Politikum von globaler Tragweite und ein Stück Technikgeschichte mitten in Deutschland
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Die Geschichte der Pershing-Raketen in der Bundesrepublik Deutschland 1960–1991
Ein militärisches Symbol des Kalten Krieges, ein Politikum von globaler Tragweite und ein Stück Technikgeschichte mitten in Deutschland: Die Geschichte der Pershing-Raketen ist untrennbar mit der Weltpolitik und den Ängsten einer ganzen Generation verbunden.
Dieses Buch nimmt die Leser mit auf eine fesselnde Zeitreise – von den Anfängen in der »Operation Paperclip«, als deutsche Raketenwissenschaftler nach 1945 in die USA geholt wurden, über die technische Entwicklung der Pershing-Systeme bis zur umstrittenen Stationierung auf deutschem Boden.
Mit der Nachrüstung der 1980er-Jahre rückten die Pershing-Raketen ins Zentrum internationaler Krisen, Protestbewegungen und geopolitischer Machtspiele. Der dramatische Bogen reicht bis zum INF-Vertrag, der ihre Vernichtung besiegelte und ein historisches Signal für Abrüstung und Entspannung setzte.
Fundiert, spannend und anschaulich erzählt, beleuchtet dieses Buch nicht nur die Technik hinter den Raketen, sondern auch die gesellschaftlichen und politischen Debatten, die sie prägten. Wer verstehen will, wie Militärtechnik Geschichte schrieb – und welche Rolle Deutschland dabei spielte –, findet hier eine aufschlussreiche und mitreißende Lektüre.
Bildquelle: Nato
Dieses Kapitel beschreibt die Entwicklung der NATO-Strategie in den frühen Jahren des Kalten Krieges. Nach der Gründung 1949 verabschiedete die NATO mit DC 6/1 ihr erstes strategisches Konzept. Es sah vor, dass die USA für einen strategischen Bombenkrieg, auch mit Atomwaffen, verantwortlich sein sollten, während die europäischen Mitglieder die konventionelle Verteidigung und Luftabwehr übernahmen. Diese Pläne waren zunächst jedoch sehr theoretisch, da vor allem die europäischen Streitkräfte schwach waren.
Die erste sowjetische Atombombe 1949 und der Koreakrieg 1950 lösten eine umfassende Revision aus. Das einflussreiche US-Memorandum NSC 68 unterstrich die wahrgenommene sowjetische Bedrohung und forderte eine massive Aufrüstung.
Zentrale Forderungen waren der Ausbau der nuklearen Abschreckung durch das Strategic Air Command (SAC), die Stärkung konventioneller Kräfte und der Ausbau der NATO einschließlich der Einbeziehung Westdeutschlands. Die Strategie wurde somit von der US-Dominanz geprägt, was später, etwa bei der "Flexible Response" in den 1960er Jahren, zu erheblichen Spannungen innerhalb des Bündnisses führte.
Symbolbild, erstellt mit Google Gemini
Dieses Kapitel dokumentiert mehrere schwere Unfälle mit Pershing-Raketen in der Bundesrepublik Deutschland während des Kalten Krieges, die im Zuge der Nachrüstungsdebatte der frühen 1980er Jahre besondere öffentliche Aufmerksamkeit erregten.
Am 24. Februar 1981 explodierte eine Pershing Ia bei Sechselberg, nachdem ein Raketentransporter in Brand geriet. Die Evakuierung von Anwohnern und Konflikte zwischen US-Personal und lokalen Feuerwehren offenbarten mangelnde Notfallplanung.
Noch folgenschwerer war der Unfall am 2. November 1982 in Waldprechtsweier. Ein Raketentransporter raste im Nebel unkontrolliert in den Ort, tötete einen Autofahrer und zwang zur Evakuierung von 1400 Menschen. Die Angst vor einem nuklearen Unfall war groß, obwohl der Konvoi vermutlich keine scharfen Atomsprengköpfe mit sich führte.
Weitere, zunächst geheim gehaltene Vorfälle werden beschrieben: 1970 fiel in Böttingen ein Sprengkopfsegment von einem Montagegerät, was als „Broken Arrow“-Ereignis klassifiziert wurde. Ähnliches geschah 1986 in einer Bundeswehrstellung bei Landsberg. Ein weiterer Transportunfall mit Verletzten ereignete sich 1979 in Wildenrath.
Die Unfallserie wirft kritische Fragen nach dem Zustand des Fuhrparks, der Sicherheitsvorkehrungen (wie der Zwei-Personen-Regel) und der Einbindung lokaler Behörden auf. Sie lieferte der Friedensbewegung starke Argumente und befeuerte die öffentliche Debatte über die Stationierung nuklearer Mittelstreckenraketen in Deutschland.
MoRsE, Lizenz: CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Dieses Kapitel beschreibt die Umrüstung des nuklearen Kurzstreckenraketensystems von Pershing I auf das modernisierte Pershing Ia in den späten 1960er Jahren. Hauptziel war die Steigerung von Mobilität, Reaktionsfähigkeit und Zuverlässigkeit für die Quick Reaction Alert (QRA)-Aufgabe der NATO. Kernänderungen umfassten den Umstieg von langsamen Ketten- auf schnelle Radfahrzeuge (M656-Lkw), die digitale Umstellung der Lenkung (Guidance & Control) sowie die Einführung einer Batteriekontrollzentrale (BCC).
Die US Army führte die Umrüstung durch die Operation SWAP zwischen August 1969 und Juni 1970 durch, koordiniert vom US Army Missile Command und mit Martin Marietta als Hauptauftragnehmer. Das Verfahren sah eine logistisch effiziente Paketlösung vor, um die Einsatzbereitschaft aufrechtzuerhalten. Die Bundeswehr, technologisch von den USA abhängig, schloss sich diesem Plan an und rüstete ihre beiden Flugkörpergeschwader zwischen 1970 und 1971 um, wobei deutsche Lkw (MAN, KHD) eingesetzt wurden.
Bildquelle: US Army
Ab 1964 wurde das nukleare Kurzstreckenraketensystem Pershing I in der Bundesrepublik stationiert. Die US-Armee verlegte ihre ersten Bataillone (wie das 4th Bn 41st FA) nach Schwäbisch Gmünd, Mainz-Wackernheim und Neckarsulm und unterstellte sie der 56th Artillery Group.
Parallel dazu stellte die Bundeswehr eigene Flugkörpergeschwader auf, wobei das Flugkörpergeschwader 1 in Landsberg am Lech ab 1963 aus Personal der aufgelösten Matador-Einheit gebildet wurde. Die Aufstellung verlief holprig: Es gab personelle, finanzielle und infrastrukturelle Engpässe, insbesondere für das zweite Geschwader im Norden, das nach langer Suche schließlich in Geilenkirchen stationiert wurde.
Auch die Materiallieferungen aus den USA verzögerten sich, da diese die Erfüllung konventioneller NATO-Verpflichtungen durch die Bundesrepublik zur Bedingung machten. Erst nach politischen Kompromissen und langwierigen Aufbauprozessen konnten die deutschen Pershing-Verbände ihre volle operative Einsatzbereitschaft im NATO-Rahmen erreichen.
Bildquelle: Eigene Aufnahme
Das Kapitel beschreibt die Integration des Pershing-Raketensystems in die NATO-Quick-Reaction-Alert(QRA)-Strategie während des Kalten Krieges. Ursprünglich für die allgemeine Heeresunterstützung konzipiert, wurde die Pershing ab Mitte der 1960er Jahre auf Beton von US-Verteidigungsminister McNamara in die QRA-Rolle überführt, um bestimmte nukleare Ziele schneller und zuverlässiger als Flugzeuge bekämpfen zu können.
Die Umstellung erforderte umfangreiche Tests, organisatorische Anpassungen und den Ausbau der Startkapazitäten auf zunächst 12, später bis zu 36 abschussbereite Raketen pro Bataillon.
Die Schaffung der notwendigen Infrastruktur für stationäre QRA-Stellungen gestaltete sich in der dicht besiedelten Bundesrepublik äußerst schwierig und verzögert. Oft musste auf improvisierte Lösungen oder umgenutzte, ehemalige Flugabwehrstellungen (Nike Hercules) zurückgegriffen werden. Erst in den 1970er Jahren entstanden einige wenige, den ursprünglichen NATO-Plänen entsprechende Anlagen wie in Kettershausen oder Bodelsberg.
Parallel wurde die physische Sicherung der Atomwaffenlagersysteme und QRA-Stellungen ab den 1970er Jahren massiv durch das Long Range Security Program (LRSP) ausgebaut, um sie gegen Sabotage und terroristische Angriffe zu schützen. Letztlich konnte die angestrebte umfassende QRA-Rolle der Pershing aufgrund infrastruktureller und sicherheitstechnischer Herausforderungen nur eingeschränkt verwirklicht werden.
Bildquelle: dealerofsalvation, Bunker, Mutlanger Heide, CC BY-SA 3.0
Die Friedensbewegung der 1980er war eine der größten gesellschaftlichen Mobilisierungen der Bundesrepublik. Ausgelöst durch den NATO-Doppelbeschluss von 1979 wuchs sie zu einer breiten Massenbewegung.
Ihren Ausdruck fand sie im Krefelder Appell von 1980, der von über vier Millionen Menschen unterzeichnet wurde. Auf der Straße zeigten Massenkundgebungen wie die Demonstration mit 300.000 Menschen in Bonn 1981 unüberhörbaren Widerstand.
Die Bewegung entwickelte kreative Protestformen: Straßenblockaden vor Atomwaffenlagern, wie 1982 in Großengstingen, wurden zum Modell. Der Kristallisationspunkt wurde Mutlangen auf der Schwäbischen Alb, der erste geplante Stationierungsort der Pershing II.
Hier fand im September 1983 eine spektakuläre Prominentenblockade mit Teilnehmern wie Günter Grass und Oskar Lafontaine statt. Trotz permanenter Protestaktionen konnte die Bewegung die Nachrüstung politisch nicht verhindern.
Ihr Vermächtnis ist ambivalent: Sie prägte eine Generation, etablierte gewaltfreien Widerstand als Protestform und hinterließ mit Orten wie der Mutlanger Pressehütte bleibende Erinnerungsorte zivilgesellschaftlichen Engagements.
Gesamtumfang des Taschenbuchs: 448 Seiten